Kurzum: Die Judo-Ära im Augustinum ist vorbei!

Ende November 2019 zogen die Judoka des SV Sillenbuch von der Gymnastikhalle des Augustinums in die Spitalwaldhalle um. Nach 44 Jahren beginnt für sie damit eine neue Zeit. Selbst das Fallen und der Bodenkampf fühlen sich anders an.

Kindermund zum Namen des Dojos im Augustinum

Augustin Affovi übernahm 1997 die Leitung der Judoabteilung des SV Sillenbuch. Seitdem dachten viele Kinder, das Augustinum sei nach ihrem beliebten Trainer benannt, der 2019 seinen 70. Geburtstag feierte.

Das Augustinum führten sie auf dessen Vornamen und das entschiedene »Kurzum!« zurück, mit dem Augustin die Zusammenfassung von Judotechniken, Ermahnungen und das Geschehen in der Abteilung auf ungezählten Versammlungen einleitete.

Kurzum: Nur die Sillenbucher Judoka hatten ein Dojo mit dem Namen ihres Abteilungsleiters über dem Eingang!

Montagabend, 25. November. Das allerletzte Aufwärmen leitet Volker Kintzinger. Er hat sein gesamtes Judoleben vom weißen Gürtel bis zum 1. DAN in der Gymnastikhalle des Augustinums in Sillenbuch verbracht. Auf das letzte Techniktraining an diesem Abend danach und überhaupt hat sich Eberhard Jörg vorbereitet, »dienstältester Trainer« und Judoka in diesem Dojo. Als er später das Training abgrüßt, bekommt er für seine kurze Ansprache mit Worten des Dankes minutenlangen Applaus: »Die Ära Augustinum mit ihrer ganz besonderen Judo-Atmosphäre endet hier!«

Wie recht er behalten sollte!

Schon die nachfolgenden Trainings nach Plan am Donnerstag und Freitag sind nicht mehr möglich. Die Kette zum Verschlag mit den Mattenwagen und Trainingsutensilien ist aufgebrochen worden, Baustaub liegt auf den Mattenstapeln und auf der Weichbodenmatte. Die Zugänge zu den früheren Umkleideräumen, Toiletten und zur Halle sind nur noch zwischen plastikbespannten Lattengerüsten möglich, die Duschen bereits gesperrt.

44 Jahre gehörten die Judoka bis dahin zur sportlichen Umgebung der Seniorenresidenz Augustinum gemeinnützige GmbH. Als gemeinnützig haben die Judoka auf jeden Fall ihr Dojo in der Gymnastikhalle empfunden. An drei Tagen in der Woche übten über 100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene dort ihren Kampfsport aus. Manchmal wurden sie sogar von den Bewohnern des Hauses beim Training besucht.

 

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Warten auf die nächste Fuhre. Tobias Maurer, jüngster Judo-Trainer.

Die Judoka seien die einzigen Nutzer der Halle von außerhalb, sagte Markus Burgmeier, Direktor des Augustinums Sillenbuch, in der Stuttgarter Zeitung vom 29. Oktober 2019. Ohnehin habe kein Vertrag mit dem Verein bestanden, es sei »eine reine Handschlagvereinbarung« gewesen. Jetzt soll in der Gymnastikhalle ein ambulantes geriatrisches Reha-Zentrum mit Gerätepark eingerichtet werden.

Kurzum: die Judoka sollten bis Ende Dezember 2019 raus. Offenbar am besten gestern.

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Großartige Helferinnen beim Umzug.
Die neuen Nachbarn an der Platte.

Auch wenn kein schriftlicher Vertrag mehr gefunden werden konnte, war die Handschlagvereinbarung 44 Jahre lang wie ein Vertrag. Kein Wunder, dass Jochen Weiß, Geschäftsführer des SV Sillenbuch, darüber hinaus die »extreme Kurzfristigkeit« der Entscheidung störte. »Solche Pläne existieren nicht erst seit dem Sommer«, antwortet er in dem Bericht der Stuttgarter Zeitung.

Die Sporthallen der Stadt sind in der Regel im Sommer bereits vergeben. Bis Anfang November bemühten sich die Judoka deshalb vergeblich um Trainingsmöglichkeiten bei befreundeten Vereinen, zumindest als Zwischenlösung. Aber Vereine in Esslingen, Bad Cannstatt oder gar Böblingen sind zu weit weg für die Kinder und Jugendlichen aus Sillenbuch und Umgebung. Für eine Mutter würde das sogar für den Spitalwald gelten. Sie meldete ihr Kind deshalb ab.

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Gestandene Judoka ...
... aus der Ära Augustinum.

Vorsorglich reservierten die Judoka für mehrere Wochenenden im November und Dezember Transporter, falls ihr Umzug in ein anderes Dojo kurzfristig abgewickelt werden müsste. Schließlich werden Sprinter zum Monatsende für Wohnungswechsel und im Dezember erst recht für Weihnachtsmärkte gebraucht. Sie hofften darauf, dass die Trainings in 2020 nahtlos weitergehen. Aber noch gab es keinen neuen Trainingsort für sie.

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Ihnen gehört die Zukunft.
Und sie sorgen für den Übergang.

Dann, am 11. November, lud die Turn- und Sportgemeinschaft (TSG) Judotrainer des SV Sillenbuch zur Besichtigung ihrer neuen Trainingshalle im Budo-Zentrum auf der Waldau ein. Doch 100 aktive Judoka und Trainingseinheiten an drei Wochentagen langfristig versorgen, wäre hier kaum zu stemmen gewesen. Jochen Weiß suchte daher eine Lösung direkt in der Spitalwaldhalle. Und bekam dafür den Zuschlag.

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Matten vor dem Gymnastikraum.
Die Spiegel helfen beim Katatraining.

Freitag, den 29. November. Statt Judo zu trainieren, trafen sich im Augustinum etwa 20 Jugendliche für den Umzug in die Spitalwaldhalle. Unterstützt wurden sie von der kompletten Donnerstagsgruppe und den meisten Judoka vom Montagabend. Insgesamt drei Generationen Judoka von 12 bis 70 Jahren packten ab 16 Uhr mit an. Jeder ein bisschen, dann schaffen alle alles!

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Vier Fuhren Judo-»Kram«. Transportiert von Peter Schoch.

Am Hinterausgang des Augustinums beluden sie den schwarzen Sprinter von Peter Schoch-Transporte. Vier Fuhren Matten, Schränke, die Turnierwaage, Kampfrichteranzeigen und säckeweise Judoanzüge für zukünftige Judoka, Trainingshilfen und Fundsachen mussten in den Spitalwald gebracht und dort gleich wieder eingeräumt werden.

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Jugendleiter Nikos Mavridis als
Aufsicht beim Antransport.
Augustin Affovi (mit Hut) beim
Einsortieren im Keller.

Für die älteren Trainer und Judoka war das mehr als nur ein Hallenwechsel. Wer Jahrzehnte im Augustinum trainierte, hätte sich einen stilvolleren Abschied gewünscht als die Trainingswoche auf einer Baustelle und einen überstürzten Umzug, weil der Beginn der Abrissarbeiten in der Gymnastikhalle des Augustinums vorgezogen worden war. Sogar ein Abschiedstraining zum Advent mit den Bewohnern des Augustinums und den Mitarbeitern an der Rezeption hatte auf der Vorschlagsliste gestanden. Nach so vielen Jahren gehörten die Judoka mit zur lebendigen Kultur des Augustinums.

Kurzum: Die Judo-Ära im alten Dojo war am Freitag, den 29. November 2019, um 19:30 Uhr sogar vorzeitig vorbei!

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Viele der Techniken auf den bunten
Judo-Plakaten kennen sie schon.
Die Turnier-Waage gehörte für sie
schon immer dazu.

In der Spitalwaldhalle standen da bereits die Judomatten auf Rollwagen in einer Gerätegarage für die Trainings ab Dezember bereit. Weitere Tatamis waren für die Freitagsgruppen einen Stock höher vor dem Tanz- und Gymnastikraum gestapelt. Noch weiß niemand, wie es sein wird, wenn hier statt Tänzerinnen, die grazil über den Boden schreiten, jugendliche und erwachsene Judoka hohe Würfe üben. Die Gäste im Vereinslokals La Gracia einen Stock tiefer würden es am ehesten merken.

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Uwe Schäfer grüßt das allererste
Training in der Spitalwaldhalle an.
Tobias Maurer meint es danach mit
den neuen Trainingsmitteln ernst.

Ansonsten mussten noch die Schränke eingerichtet und bis Ende Dezember die neuen Trainingszeiten getestet werden. Manche Eltern zweifelten bereits, ob sie den Musikunterricht und andere Hobbys ihrer Kinder mit dem aktuellen Trainingsplan im Judo überhaupt vereinbaren können.

Doch Augustin Affovi hatte versprochen: »Wir wollen auf keines unserer Kinder verzichten und werden die Zeiten nach den Erfahrungen mit den Trainings bis Jahresende nachbessern.« Nach den Weihnachtsferien soll der Stundenplan mit den Trainingszeiten für 2020 stehen.

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Die Temperaturen am Boden sind
noch ungewohnt.
Das gilt auch für die ersten
Begegnungen mit dem Kletterseil.

Die bestehenden Abteilungen in der Spitalwaldhalle rückten wegen der Judoka inzwischen zusammen. Ein bisschen, aber immerhin.»Kurzum«, sagt dieses Mal Jürgen Kohler, der stellvertretende Leiter der Judoabteilung, »wir wissen, dass sich die bisherigen Platzhalter vom Turnen, Volleyball und Handball noch an uns gewöhnen müssen. Unseren Judoka, ihren Eltern und unseren Trainern geht das mit dem neuen Ort genauso.«

Mit dem Gewöhnen haben die Judoka gleich nach dem Umzugswochenende angefangen.

Montag, 2. Dezember. Um 18 Uhr grüßt Uwe Schäfer das erste Kindertraining im oberen Drittel der Spitalwaldhalle an. Nach seiner Stunde leitet Tobias Maurer das erste Erwachsenentraining im neuen Dojo. Den jüngsten lizensierten Judotrainer des SV Sillenbuch begeistern die vielen Trainingsmittel in der Halle, die er auch gleich für den ersten Aufwärmzirkel nutzt: »Das ist mehr als der bisherige Basketballkorb, die Springseile und die Medizinbälle der Abteilung.«

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Die Judoka freuen sich insgesamt
auf ihr Zuhause im Spitalwald.
Neue Möglichkeiten bewirken
dabei auch ein neues Judo.

Auch die 40- bis über 60jährigen machen bei Tobias Maurer mit. Sie haben noch das Augustinum im Körpergedächtnis. Da die Matten und der Boden in der Spitalwaldhalle kühler sind, fällt es sich jetzt anders. Judoka trainieren zudem barfuß und verbringen einen Teil ihres Programms im Bodenkampf. Doch gerade die Erfahreneren, die auf Lehrgängen und bei Besuchen in anderen Vereinen bereits in großen Sporthallen trainiert haben, sind zuversichtlich, dass sie sich auch körperlich schon bald auf die neuen Bedingungen eingestellt haben werden.

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Der Anfang mag schwer sein.
Am Ende hilft es doch dem Judo.

Kurzum: Mit dem Umzug vom Augustinum in die Spitalwaldhalle hat die Judoabteilung in vieler Hinsicht eine Ära abgeschlossen. Und eine neue hat bereits begonnen.

Text und Bilder: Peter Kensok

2019   Kurzum: Die Judo-Ära im Augustinum ist vorbei!

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